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„Je länger man vor der Tür wartet, desto fremder wird man“

Was wäre, wenn…? Jeder kann sich an einen Moment erinnern, in dem er sich diese Frage gestellt hat – eine Frage, die uns daran erinnert, dass wir vielleicht zu oft den einfachen Weg gewählt haben. Trotzdem zögern wir jedes Mal wieder, bevor wir uns für einen der Wege entscheiden. Ähnliches beschreibt Franz Kafka mit seinem Zitat: „Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man.“.
Am 02. Februar 2018, haben wir, der Deutsch-Leistungskurs und einige Schüler des Grundkurses von Frau Schraml, ein „Literarisches Café“ veranstaltet, bei dem uns dieses Zitat durch den Abend begleitet hat. Im Laufe der Veranstaltung haben wir verschiedene Werke vorgestellt und uns so mit den Gästen auf eine Reise durch die Welten vieler Protagonisten begeben.
Nach Begrüßungen durch Frau Schraml und zwei Schülerinnen, die die Veranstaltung als Moderatorinnen begleiteten, begann der Abend mit der Vorstellung des Werkes „Faust I“ von Johann Wolfgang von Goethe. Das Werk wurde den Gästen durch eine Lesung nähergebracht. Auf der Suche des Protagonisten Faust nach persönlicher Erfüllung wagt er für ihn bislang unbekannte Schritte und versucht seine Fremdheitsgefühle zu überwinden.
Das Dramenfragment „Woyzeck“ von Georg Büchner zeigt dagegen klar, dass viele Menschen wie Franz Woyzeck weder mit Geld noch mit zwischenmenschlichen Beziehungen gesegnet sind. Durch ein Schauspiel einer Schülergruppe stand einmal mehr die Frage im Raum, ob ethisches Handeln unter diesen Verhältnissen überhaupt möglich ist, zumal für diese Menschen die Überwindung von Fremdheitsgefühlen unmöglich erscheint.
Dass es keine echten zwischenmenschlichen Beziehungen gibt, verbindet das Drama „Woyzeck“ mit dem Roman „Der Prozess“ von Franz Kafka. Eine Lesung einzelner Ausschnitte aus diesem Werk verdeutlichte nach einer kurzen Pause mit Buffet, dass auch Josef K., der Protagonist dieses Romans, mit Beziehungslosigkeit und Selbstentfremdung zu kämpfen hat.
Eine weitere Gruppe befasste sich mit der Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“ von Anna Seghers. Die Entwicklung der Protagonistin Netty Reiling und ihrer Schulkameradinnen unter dem Einfluss des nationalsozialistischen Regimes ist verschieden, was eine Lesung aus der Erzählung deutlich zeigte. Während manche sich selbst treu blieben, entfremdeten sich andere auf erschreckende Weise, womit wir auch dieses Werk auf unser Leitzitat beziehen konnten. Alle bis auf die Erzählerin kommen ums Leben.
Dass das Fremdheitsgefühl auch in moderneren Werken zu finden ist, wurde anhand des Romans „Als wir träumten“ (2006)von Clemens Meyer deutlich. Ein selbst verfasstes Hörspiel und ein Schauspiel zeigten, wie eine Jungenclique der Leipziger Nachwendejahre den Zusammenbruch ihrer eigenen Heimat erlebt. Auf der Suche nach Orientierung sind sie Versuchungen wie Drogen ausgesetzt, durch die sie ein bürgerliches Leben aus den Augen und teilweise sogar sich selbst verlieren.

Nachdem abschließend zwei Gedichte aus dem Expressionismus und der Epoche der Romantik vorgetragen wurden, endete unsere Veranstaltung mit dem Gedanken, dass allen Werken das Scheitern eines Protagonisten bzw. einer Idee ebenso gemeinsam ist wie das Fremdheitsgefühl. Unser „Literarische Café“ hat also gezeigt, dass sich bestimmte Phänomene und Gefühle in einer ganzen Reihe von bedeutsamen Werken widerspiegeln, was auch die Aktualität von Werken wie „Faust I“ oder „Woyzeck“ verdeutlicht.

Kulinarische Genüsse und – natürlich - alkoholfreie Getränke trugen zur guten Stimmung der vielen Gäste bei.

Saskia Neubeiser, Q2

 

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